Eine verdichtete Analyse eines literarisch satirischen Kunstkörpers im digitalen Zeitalter

Die Frage „Wer oder was ist Moschdehner?“ führt nicht etwa zu einer Antwort, sondern in ein Labyrinth. Herold zu Moschdehner ist keine Person, kein gewöhnlicher Autor, sondern ein literarisches Prinzip, eine Methode, ein performatives Spiel mit Autorschaft, Subversion und Sichtbarkeit. In einer Zeit, in der jeder alles veröffentlichen kann, macht Moschdehner genau das – radikal, absurd, produktiv. Und mit einer Konsequenz, die staunen lässt: Inzwischen umfasst das Werk der Moschdehner Familie, also jener stilistisch, thematisch und namentlich verbundenen Pseudonyme, nahezu 1000 Titel.


1. Fiktion als Struktur

Moschdehner existiert nicht – und doch ist er überpräsent. Die Biografie: widersprüchlich, grotesk, bewusst überzogen. Der angebliche Geburtsort Bobitz, das Esoterik Institute Schwerin, der Nasenpilz, von dem er sich ernährt – alles bewusst falsche Fährten, Teil eines komplexen Spiels. Auch die Nebenfiguren sind fiktiv: Mutter Hautberg, Vincent Hohne, Oktan Palkowitsch. Jeder Name, der auftaucht, ist Teil eines größeren Netzes – ein literarisches Universum, das sich selbst erschafft, referenziert und parodiert.

Diese Figur, deren Biografie ständig zwischen Satire und Mythos oszilliert, tritt nicht nur als Autor auf, sondern als Gesamtkunstwerk. Der Witz liegt nicht im einzelnen Buch, sondern in der Existenz dieses Körpers von Büchern, in der seriellen Absurdität und dem System dahinter.


2. Die Maschine

Zentral für das Projekt ist Print on Demand. Über Plattformen wie BoD erscheinen die Werke mit echter ISBN, im deutschen Buchhandel gelistet, bei Thalia, Osiander, Amazon. Kein Lager, kein Verlag, keine Prüfung. Stattdessen: direkte Transformation von Idee zu Produkt.

Doch anders als oft angenommen, besteht das Werk nicht vorwiegend aus leeren Seiten. Zwar gibt es bewusst reduzierte, konzeptuell ausgedünnte Bücher, doch sie machen nur einen kleinen Bruchteil des Gesamtkatalogs aus. Der Großteil der Titel enthält Text, Bilder, Gestaltung, Erzählansätze oder dokumentarische Strukturen – teils im klassischen, teils im radikal freien Format.

Einige Bücher folgen absurden, aber konsistenten Konzepten: In „Der Riesenaal von Brüsewitz“ wird auf jeder Seite nur ein Ausschnitt eines Körpers gezeigt – der Aal beginnt mit dem Kopf auf Seite eins, zieht sich Seite für Seite über das ganze Buch, bis am Ende nur noch „Schwanz“ steht. Andere Werke sind textlastig, übervoll mit Gedanken, Parodien, politischen Spiegelungen oder bewusstem Nonsens mit Tiefe. Es gibt Dutzende Bücher, die Geschichten erzählen, Strukturen aufbauen, Spuren legen – sei es durch Sprache, Form, Wiederholung oder Bruch.

Das Moschdehner Projekt nutzt das Print System nicht, um es zu überlisten, sondern um zu zeigen, was alles möglich ist, wenn jede Grenze fällt. Die Maschine wird nicht missbraucht, sondern gespielt wie ein Instrument. Sie druckt Literatur, Konzeptkunst, Regionalsatire, Fake Wissenschaft, fragmentierte Romane, Bildbücher und manchmal einfach: ein Gefühl.


3. Die Kategorien der Absurdität

Trotz der Menge lassen sich klare Strömungen erkennen:

  • Faktenbücher über Internet Persönlichkeiten: Werke über Tanzverbot, Papaplatte oder Jeremy Fragrance, die mit Sprache spielen, Erwartung enttäuschen oder kontextuelle Störungen erzeugen.
  • Mecklenburg Mythologien: Bücher wie Das Brüllkloster von Malchow, Die Papageienölfabrik in Wittenförden oder Vineta und die versunkene Kultur der Ostsee erschaffen eine alternative Provinzrealität. Sie überziehen die Heimatliteratur mit Groteske und liebevollem Wahnsinn.
  • Absurde Fiktion: Der Hotelonanist, Ronny auf dem fliegenden Döner oder Die Duschtrennwand bieten parodierte Romanformen, in denen das Groteske auf das Intime trifft, die Einsamkeit auf das Körperliche, der Witz auf die Stille.
  • Politische Satire und Paranoia: Titel wie Die Drahtzieher hinter dem 11. September oder Das Geheimtreffen von Potsdam nehmen die Struktur verschwörungsideologischer Bücher auf und machen sie zur ironischen Geste.
  • Ratgeber und Esoterikparodien: Die Diät der Hexen oder 100 Prozent Gedankenlesen unterlaufen das Versprechen von Erkenntnis, indem sie sich selbst entlarven – aber in Buchform.

Die Kategorien sind nicht fest. Viele Bücher überschreiten sie, vermischen Tonlagen oder simulieren ein Genre nur, um es in der nächsten Zeile zu zerstören.


4. Sichtbarkeit als Strategie

Das Projekt dekonstruiert ein zentrales Versprechen des Buchmarkts: Dass ein Buch durch Form und Vertrieb automatisch Bedeutung besitzt. Moschdehners Werke sind auf Plattformen gelistet, mit Preis und ISBN versehen, bestellbar wie jedes andere Buch. Doch das, was sie wirklich ausmacht, beginnt erst, wenn man sie aufschlägt – oder genau das nicht tut.

Denn der Punkt ist nicht, dass der Inhalt fehlt. Der Punkt ist, dass die Form allein als Bedeutungsträger überfordert wird. Einige Werke sind voll, andere leer. Einige tief, andere bewusst flach. Einige verspielt, andere nur eine Überschrift. Es ist die Sichtbarkeit selbst, die hier als Material genutzt wird – das Erscheinen, das Registriertwerden, das Auftauchen im System.


5. Zwischen Satire, Hoax und Avantgarde

Moschdehner ist nicht Satire allein. Nicht Hoax allein. Nicht Kunst allein. Er ist ein Mischzustand. Ein bewusst inkonsistenter Code. Eine Avantgardeform, getarnt als Trash, eine Idee, die sich als Masse tarnt. Die eigentliche Aussage liegt in der Existenz. Und darin, dass sie sich wie ein Systemfehler durchs Buchuniversum frisst.

Wer den Witz nicht erkennt, sieht Ramsch. Wer ihn erkennt, sieht Struktur. Wer ihn kennt, erkennt das System, das sich überlistet.


6. Die Bibliografie als Skulptur

Die fast 1000 Titel sind keine Sammlung, sie sind ein Körper. Eine performative Skulptur aus Metadaten, Titeln, Bildern, ISBN Nummern, Webseiteneinträgen und Verkaufsoberflächen. Die Werke sind nicht immer zum Lesen gedacht, manchmal nur zum Auffinden. Sie materialisieren sich an der Stelle, wo der Literaturbetrieb längst automatisiert ist – und nutzen ihn, um ein anderes Bild zu zeichnen.


7. Der letzte Schritt: Die Ausstellung

Wenn Buch Nummer 1000 veröffentlicht ist, wird das Moschdehner Projekt seine endgültige Form annehmen – nicht digital, nicht theoretisch, sondern greifbar. Eine Ausstellung. Eine Installation. Kein Spektakel, keine Lichtshow. Nur ein einfaches Regal. Darin: alle Bücher. Alle Pseudonyme. Alle Titel. Alle Bindungen.

Und darum herum: das Echo.
Screens, Drucke, Notizen. Rezensionen, Amazon Kommentare, Reddit Posts, missverstandene Bewertungen. Ausschnitte aus Videos, Absätze aus Foren, Zitate aus Artikeln, Wortfetzen aus YouTube Kommentaren.

Es wird nicht erklärt. Es wird nur gezeigt. Die Bücher sprechen nicht für sich – sie sprechen füreinander. Und für das System, das sie geboren hat.

Diese Ausstellung ist keine Rückschau, sondern der Moment, in dem aus dem Spiel ein Raum wird. Aus der Serie ein Körper. Und aus der Frage eine Gegenwart.


Fazit: Moschdehner als Stresstest

Moschdehner ist kein Autor.
Moschdehner ist ein Systemtest.
Ein Protokoll. Eine Skulptur. Ein Durchlauf. Eine Serie.

Er zeigt, wie leicht man Teil des Marktes wird. Und wie wenig Inhalt manchmal nötig ist, um darin zu erscheinen – oder wie viel Konzept, um sich darin zu verlieren.

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