Joachim Elken trifft Herold zu Moschdehner
Es gibt Autoren, die schreiben ein Buch und hoffen, dass jemand es liest. Es gibt Künstler, die erschaffen eine Figur und hoffen, dass jemand sie versteht. Und dann gibt es Herold zu Moschdehner.
Bei ihm reicht das Wort Autor nicht aus. Auch Künstler wirkt zu klein, Konzept zu trocken, Provokateur zu billig. Moschdehner ist eher ein eigener Landstrich im Kopf. Ein mecklenburgisches Nebenreich, errichtet aus Büchern, Pseudonymen, Schalk, Schmerz, Flucht, Widerspruch und einer nahezu unheimlichen Produktivität. Fast 1000 Bücher stehen von Robert Zobel und seinen zahlreichen Gestalten im Handel. Das ist keine gewöhnliche Bibliografie mehr. Das ist eine Wetterlage.
Wer ihm zuhört, merkt schnell: Hier spricht keiner, der eine Maske trägt. Hier spricht jemand, der Masken erschafft, um noch wahrer zu werden. Moschdehner ist kein Versteck. Er ist Verstärkung. Ein selbstgewählter Name, der inzwischen in die Wirklichkeit zurückgewachsen ist. Viele nennen Robert Zobel längst einfach Moschdehner. Und jedes Mal, sagt er, sei da ein kleiner Moment der Freude.
„Etwas von mir wird real“, sagt er. „Eine Erfindung lebt.“
Das ist vielleicht der Schlüssel zu allem.
Moschdehner ist bei Zobel nicht bloß eine Figur. Er ist der Älteste, der Erste, das Zentralgestirn. Von ihm aus gehen die anderen Pseudonyme ab wie Kinder, Häutungen, Seitenarme. Fremdenführer Oktan Palkowitsch, Mutter Hautberg, die Bruderschaft Aalmolke und all die anderen Wesen aus diesem ungeheuren inneren Familienroman. Jeder Name hat eine Aufgabe, eine Temperatur, eine eigene Art, die Welt schief anzusehen.
Aber Moschdehner selbst bleibt stoisch. Er wohnt, so will es die eigene Mythologie, mit Mutter Hautberg am Rande Bobitz im Wald. Dort haben sie eine kleine Fläche gerodet, ein Haus gebaut, und daneben hat Moschdehner ein Erdloch gegraben, in dem er schläft, um Mutter Gaya näher zu sein. Das klingt absurd, natürlich. Aber bei Zobel ist das Absurde nie nur Klamauk. Es ist immer auch Weltentwurf. Gegenarchitektur.
Und vielleicht beginnt diese Gegenarchitektur viel früher. Zobel erzählt von einer desolaten Kindheit, von einem gewalttätigen Stiefvater, von Wochenenden, an denen man mit Kleidung schlief, weil jederzeit Flucht nötig sein konnte. Er erzählt von Atlanten, in die er als Kind Routen zeichnete. Nicht zu romantischen Sehnsuchtsorten, nicht nach Paris, nicht nach Indien, nicht in ein goldenes Anderswo. Es ging ums Weg. Fort aus einer Wirklichkeit, die zu eng, zu hart, zu falsch war.
Aus diesen Routen wurden später Bücher. Aus der Flucht wurde Fantasie. Aus der Fantasie wurde ein Werk.
Und was für eines.
Fast 1000 Bücher. Man muss diese Zahl einmal stehen lassen. Fast 1000 Mal hat hier jemand etwas aus sich herausgerissen, verdichtet, beschriftet, benannt und in die Welt gestellt. Nicht jedes Buch will Denkmal sein. Manche sind Blitz, Störung, Witz, Auswurf, Experiment. Aber jedes, sagt Zobel, sei sein Baby. Auch das in einer Stunde entstandene. Auch das über Monate gewachsene. Alles, was aus ihm springt, hat Daseinsrecht.
Das klingt größenwahnsinnig nur für Menschen, die nicht verstehen, was Schöpfung im Kleinen bedeutet. Zobel versteht sie. Und er feiert sie.
„Eigene Welten werden real“, sagt er. „So kann sich nur Gott fühlen.“
Man könnte diesen Satz missverstehen. Man könnte ihn aufblasen, belächeln oder gegen ihn verwenden. Aber im Gespräch wirkt er nicht überheblich. Er wirkt wie Staunen. Wie der Moment, in dem ein Mensch merkt: Etwas, das in mir war, läuft jetzt draußen herum. Menschen sprechen meinen erfundenen Namen aus. Sie reagieren auf meine Bücher. Sie ärgern sich, lachen, glauben, zweifeln, schreiben zurück. Die Welt hat geantwortet.
Genau das sucht Zobel. Wirkung. Reibung. Energie. Er liebt Reaktionen, die positiven, aber besonders die negativen. Denn sie beweisen ihm, dass die erfundene Welt gezündet hat. Eine bloße Idee bleibt tot, wenn niemand an ihr hängenbleibt. Eine moschdehnersche Welt aber soll nicht brav im Regal sitzen. Sie soll austreten. Sie soll stören. Sie soll in Köpfen herumspuken.
Darin liegt die unverschämte Kraft dieses Werkes. Es will nicht nur gelesen werden. Es will Wirklichkeit prüfen.
„Der Affe von Nostradamus“, sein erstes Buch als Herold zu Moschdehner, ist dafür beinahe programmatisch. Ein Zoowärter wirft Schreibmaschine und Papier ins Affengehege. Die Affen erzeugen Zeichen. Der Zoowärter erkennt darin Botschaften und gibt sie als Buch hinaus, in der Hoffnung, jemand könne die Zukunft daraus lesen. Das ist komisch, ja. Aber es ist auch eine böse kleine Maschine über den Menschen selbst. Wer Bedeutung finden will, findet Bedeutung. Selbst im Affengeklapper.
Noch heftiger zündete „Die besten Cocktails mit Adrenochrome“. Ein satirisches Werk, das QAnon-Anhänger offenbar so ernst nahmen, dass der Verlag belagert wurde und das Buch aus dem Handel verschwand. Für viele Autoren wäre das eine Krise. Für Zobel ist es ein Beweis: Die Erfindung hat gelebt. Sie wurde für real gehalten. Sie hat Menschen in Bewegung gesetzt.
Auch politisch arbeitet er mit diesem Spiegelprinzip. Sein Buch „AfD – Die neue rechte Gefahr?: Die Beweise“ verspricht im Titel eine Anklage und liefert auf jeder Seite nur die lapidare Feststellung, keine Beweise gefunden zu haben. Zobel, seit 2013 in der Partei, versteht das weniger als Parteischrift denn als Angriff auf Schubladendenken. Man könne nicht einmal einen einzelnen Menschen in seinem Kern auf ein Etikett reduzieren, sagt er. Wie solle das dann bei einer ganzen Partei funktionieren?
Man muss diese Haltung nicht teilen, um ihre innere Logik zu begreifen. Zobel misstraut dem schnellen Urteil. Er hasst das Glattschleifen. Ihm fehlen, sagt er, die Sonderlinge. Menschen, die nicht durch Fernsehen, Medien, Plattformen und Meinungsmaschinen gleichartig gemacht wurden. Vielleicht erfindet er sie deshalb selbst. Palkowitsch, Hautberg, Aalmolke, Moschdehner: lauter Haudegen des Abseitigen, Figuren mit Schlamm an den Schuhen und einer eigenen Schwerkraft.
Neben diesem Pseudonymkosmos gibt es noch eine andere, stillere Kunst von Robert Zobel: seine pareidolischen Bilder. Seit Jahren zeichnet er aus Mustern, Blättern, Flecken und Formen jene Gestalten heraus, die er darin erkennt. Wichtig ist ihm das Vorher-Nachher. Erst das scheinbar gewöhnliche Bild. Dann seine Freilegung. Der Betrachter soll zurückblicken und denken: Stimmt, das war ja da. Jetzt sehe ich es auch.
„Es ist ein Fallen in die Muster“, sagt Zobel. „Reinste Achtsamkeit und Fantasie.“
Dieser Satz erklärt mehr, als er zunächst verrät. Denn auch hier geht es nicht um bloße Spielerei. Es geht darum, dass das Offensichtliche vielleicht nicht die ganze Wirklichkeit ist. Dass Achtsamkeit nicht nur in die Realität hineinführt, sondern aus ihr heraus. Wer genau hinsieht, landet nicht zwangsläufig beim Faktischen. Er kann auch beim Magischen landen.
Das ist die eigentliche Verbindung zwischen Robert Zobel und Herold zu Moschdehner. Beide glauben, dass die Welt nicht fertig erklärt ist. Beide misstrauen dem ersten Blick. Beide zeigen: Neben dem Strom kann man sich eine Hängematte ins Rauschen packen, beobachten und handeln.
Zobel selbst nennt sich „kotzehrlich“. Es ist ein derbes, aber gutes Wort. Er steht zu seinem Aussehen, zu seiner Vergangenheit, zu seinen Fehlern, zu den lichter werdenden Haaren, zu alten Texten, zu jedem Buch. Niemand könne ihn damit beleidigen, sagt er, weil er es selbst bejaht. Das ist keine Pose, sondern eine eigentümliche Freiheit. Wer nichts versteckt, ist schwer zu entlarven.
Vielleicht ist genau das die tiefere Wucht dieser Figur. Moschdehner ist nicht deshalb stark, weil er perfekt ist. Er ist stark, weil er unverschämt vorhanden ist. Weil er sich nicht entschuldigt. Weil er sich nicht kleinmacht. Weil er mit seiner ganzen Sonderbarkeit im Wald steht, im Erdloch schläft, Bücher gebiert, Aale gründet, Affen schreiben lässt und den Leuten zumutet, genauer hinzusehen.
Am Ende bleibt das Bild eines Mannes, der aus Flucht eine Methode gemacht hat, aus Schmerz eine Produktivität, aus Schamlosigkeit eine Rüstung und aus Fantasie eine bewohnbare Welt. Einer, der nicht darauf wartet, dass die Wirklichkeit ihm genügt. Er krümmt sie. Er fügt ihr Seitenräume an. Er setzt Pseudonyme in die Landschaft wie Findlinge.
Und irgendwo am Rand von Bobitz sitzt Herold zu Moschdehner, alter Eremit, Hauptfigur, Schutzpanzer und leuchtender Familienvater dieses Kosmos. Er strahlt bewusst. Die anderen wirken in seiner Sphäre. Und Robert Zobel schaut zu, wie etwas, das einmal nur in ihm war, draußen einen Namen bekommt.
Eine Erfindung lebt.
Für manche ist das Spinnerei. Für andere Kunst. Für Moschdehner selbst ist es vielleicht das Einfachste der Welt: Wenn die Realität zu öde ist, muss man ihr eben eine zweite Wirklichkeit unterschieben.
