Johanna!!!!!
Sag mal, hast Du heute bei mir geklingelt und bist dann wieder weggelaufen? Wenn ja, würde ich mich sehr freuen, obwohl ich auch böse mit Dir wäre. Das gehört sich ja nicht. Und ich hatte mir gerade die Haare am Damm weggemacht. Du weißt ja, wie ich mich dabei verrenken muss.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie Du mir damals einfach den Rasierer weggenommen und mich befreit hast. Das war eine nette und schöne Geste. Ich habe deshalb angefangen, Dich zu lieben. Vorher habe ich Dich nur bei mir wohnen lassen und Dich für meine Fantasien zweckentfremdet. Wobei: Was für einen Zweck hat schon ein Mensch?
Auf jeden Fall hat das gepasst. Es klingelte, ich habe mich sofort aufgerempelt, mich dabei ein wenig geschnitten und bin zur Tür. Und nichts war da. Nur der Hausflur. Dieses fahle Licht. Diese Stille, die immer so tut, als wüsste sie von nichts. Klar denke ich da an Dich.
Ich meine, das war das erste Mal, dass ich mich an der Stelle überhaupt wieder rasiert habe, und dann klingelt es. Genau wie Du immer geklingelt hast. So mit der Melodie vom Windrauschen. Wenn ich vorher daran gedacht habe, mich dort wieder zu rasieren, musste ich immer gleich an Dich denken und wurde wütend. Dann habe ich Teller nach den Fensterscheiben geworfen. Nicht alle. Nur so viele, bis es wieder still in mir wurde. Und genau, als meine Traurigkeit, oder wie man das nennt, aufgehört hat, da zu sein, klingelst Du.
Das warst Du doch, oder?
Wer soll denn sonst mitten am Mittag bei mir klingeln? Fällt Dir da wer ein? Ich habe doch sonst nicht so viele Kontakte. Und die Frauen, mit denen ich etwas hatte, haben ja alle genug von mir oder so einen Ich-darf-nicht-näher-an-sie-als-50-Meter-Wisch vom Gericht.
Wie ist das eigentlich mit diesem Gesetz, also wo ich nicht näher an eine Frau randarf? Darf sie dann auch nicht in meine Nähe? Und was mache ich, wenn sie mir entgegenläuft und ich in einer Sackgasse stehe und dann sitze, weil sie mir die Beine wegschießt? Darf sie das? Oder zählt dann wieder nur, was ich gemacht habe? Bei mir zählt ja immer nur, was ich gemacht habe.
Gut, ich will ja nicht kleinlich sein. Ich habe ja auch so mancher Frau ein wenig wehgetan. Aber mir deshalb den Umgang mit ihr zu verbieten? Echt komisches Land hier. Man kann jemanden lieben, bis einem die Hände zittern, und am Ende steht da ein Richter und tut so, als wäre Liebe eine Entfernungssache.
Ich überlege schon, ob ich einfach nach Belgien ziehe. Oder nach Südafrika. Mal schauen, wo es mich hinschneit. Ich nehme Dich auch gerne mit, wenn Du nicht wieder abhaust. Du musst ja nicht viel mitnehmen. Das meiste, was Du brauchst, ist sowieso noch hier.
Warum hast Du mich eigentlich im Stich gelassen?
Ich habe Dir doch alles gegeben, was Du brauchtest, und hatte gerade alles fertig gemacht für unseren Gangbang-Bondage-Abend. Die Seile und Taue hängen noch immer an der Wand. Manchmal bewegen sie sich ein bisschen, wenn Durchzug ist. Dann sieht es aus, als würden sie warten. Du hast mich total verarscht. „Ich gehe nur schnell neue falsche Fingernägel holen“, hast Du gesagt.
Damals hätte ich Dich gerne gefunden und gegen irgendeine Wand gedonnert. Nicht schlimm. Nicht so, wie Du jetzt vielleicht wieder denkst. Nur so, dass Du einmal merkst, dass man nicht einfach aus einem Leben gehen kann, in dem schon alles vorbereitet ist. Ich stand total blöd da vor Jürgen, Achmed, Jonny und den anderen. Du weißt gar nicht, was Du mir angetan hast.
Wenn Du das wieder gutmachen willst, dann musst Du mir auch finanziell ein wenig was geben. Das ist nicht gierig von mir. Das ist Ausgleich. Für die Seile. Für die Taue. Für die falschen Fingernägel, die nie gekommen sind. Für die vielen Stunden, in denen ich im Flur stand und dachte, gleich höre ich wieder Deine Schritte.
Ich werde gleich los und Dich besuchen und Dir den Brief geben. Wenn Du den Brief dann liest, bin ich immer noch bei Dir und rüttele Dich an den Schultern. Nicht doll. Nur so, dass Du wieder richtig da bist. So, wie Du es gerne hast, meine Johanna!!!!
Ich liebe Dich.
