Bobitz

Bobitz – Inner Mecklenburg: Es ist Juli, und unsere kleine Zweierexpeditionsgruppe hat das erste Wohnhaus erreicht. Das Thermometer zeigt plus vierzig Grad und wir sind froh an der Hauswand Schatten zu finden. Wie an jeden Abend dieser insgesamt siebenhunderttägigen Expedition verstauen wir uns in unseren Schlafsäcken.
Der Stoff der uns so ummantelt wird uns zum Schwitzen bringen, aber immer noch besser als von jungen Hunden in kleine Stücke zerrissen zu werden oder ähnliches.

Fast vier Jahre hat die Planung und Durchführung der Bobitz-Expedition gedauert. Eine Zeit, in der viel geschah. Der Bürgermeister ist wegen Verdacht der Unterschlagung vom Sockel gerissen worden, die Tanztruppe „Bobitz singt und lacht“ hatte sich ein Bein gebrochen und bestand auch nur aus einer Person, wie sich bald herausstellte. An der Bushaltestelle hat jemand den Busfahrplan abgerissen und dieser Mensch oder ein anderer, hat dann mit einem Edding drübergeschrieben „Alles fehlt hier weit und breit“. Frau Meiers Dachs ist gestorben und eine komische Firma hat sich neben dem KZ angesiedelt.
Alles in allem verschloss sich das Dorf aufgrund der Ereignisse dem normalen Touristen. Ich hatte gar nicht mehr damit gerechnet, dass wir überhaupt noch in das Dorf kommen dürfen. Doch alte Freunde in Europa hatten unermüdlich weiter an dem endlosen Behördenwirrwarr gearbeitet und die Reise durch Schwerin, Bad Kleinen, in die Innereien Mecklenburgs und entlang der mecklenburgischen Seenplatte nach Bobitz möglich gemacht.

Unser Motiv ist eine der erstaunlichsten Geschehnisse der Weltgeschichte: Ein kleines Volk erobert scheinbar ohne Mühe ein Weltreich in der Literatur, entdeckt auf seine Art Prosa und Lyrik und lernt lesen. Über tausende Jahre sitzen Bobitzer im Staube herum und kehren dann ihre Antlitze den Künsten zu. Da ist aber auch die Geschichte der Schweriner Schriftsteller, die der Verdummung dieser Dorfbevölkerung mit geistigen Mitteln begegnen indem sie das Dorf literarisch der Weltöffentlichkeit zuführen.
All diesen Phänomenen waren wir auf der Spur.

Die Geschichtsschreiber waren bemüht Bobitz zu verschweigen. Für sie waren diese Barbaren einfach nur Massen, die sich untereinander in ihrer Dummheit verstärken und diese Dummheit mit jedem neuen Kind an die nächste Generation weitergaben. Es war Europa peinlich, dass sich so ein Dorf europäisch nennen durfte und so verschwieg man, was sich in Mecklenburg abspielte.
Die Bobitzer Historiker, die sich jetzt mit der kulturellen Missionierung entwickelt haben, haben sehr viel Mühe gehabt Licht in die dunkle Zeit ihres Volkes zu bringen.
So fanden sie heraus, dass sich im Jahre 1386 sechzigtausend Bobitzer nacheinander die Kehle durchschnitten, um nicht mehr leben zu müssen. Ein Bobitzer Astrologe hatte das Weltenende im Jahre 1387 vorausgesagt. Es gibt so viele eigentümliche Begebenheiten hier in Bobitz. Manche davon lassen uns erschauern und andere Erlebnisse und Geschichten vertreiben die wenigen Touristen, die kommen würden, wenn sie denn dürften, aber weil sie abgeschreckt werden, kommen sie dann doch nicht.

Der erste Eindruck von Bobitz ist ernüchternd. Schade dass wir nicht betrunken waren, denn wenn man schon nüchtern ist, ist eine weitere Ernüchterung sehr viel unangenehmer als wenn man betrunken ist. Das Dorf strahlt den verkommenen Charme eines Friedhofes aus. Vor dem Dorf stehen ein paar riesige Bäume, an denen noch die Seile von erhängten Hexen hängen. Die Hexen selbst sind verrottet, aber die Seile sind aus gutem Material und halten noch immer. Hexen hat man in Bobitz bis ins Jahr 1989 erhängt. Als damals im zivilisiertem Teil Europas aufgehört wurde, sie zu verbrennen, ging man in Bobitz dazu über, sie zu erhängen. Erst mit der Wende hörte man auch damit auf.
Jeder vierte Bobitzer arbeitet in dem gutbesuchten Eisladen des Dorfes. Jeder zweite in einem Schweinestall und der Rest ist arbeitslos. Mit dem Zerfall der DDR ist auch Bobitz ein Teil Deutschlands geworden. Alles ist hier in Bewegung geraten.

Wahlen stehen an, holländische und portugiesische Künstler buhlen um die Freundschaft der nun hier ansässigen Bobitzer Schriftsteller. Im der einzigen Ferienwohnung treffen seltsame Reisende mit Staffeleien ein, Maler, die jene Bäume mit Seil auf Leinwand bringen wollen.
Das Dorf steht in Erwartung des großen Hummelfestes und wir unter großem Zeitdruck.
Das Arbeiten hier ist schwer, wie überall in Mecklenburg. Man versteht die Menschen hier nicht auf Anhieb. Ein Lächeln ist woanders ein Lächeln, aber hier kann es auch eine Einladung zu einem kleinen Duell sein. Es fällt uns schwer zurückzulächeln.
Dem uns zugeteiltem Betreuer, Hans Himp, fallen tausend Gründe ein, uns etwas nicht zu erklären. Gegen 100 Euro bekommen wir 1 Information.

Der Bobitzer Eissalon ist der erste Ort den wir hier besuchen. Wie eine kleine Normalitätsoase liegt das Geschäft in der Einfamilienhauswüste des Dorfes. Etwa neunzig Bedienstete gehen hier ihrer Arbeit nach. Ein Eismuseum, das vor zwei Jahren gerade restauriert wurde und von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt wurde, besuchen wir nicht. Der Eintritt ist zu teuer und was sollen wir da herausfinden? Es geht uns um die literarische Explosion, um den Samen, der hier aufging, um die Texte und um die Schriftsteller.
Als wir in den Eisladen kommen, blasen die Bediensteten durch Eiswaffeln die Bobitzer Nationalhymne und tatsächlich gibt es hier mehr Bedienstete als Kunden. Diese Information hatten wir schon vorher von Himp bekommen. Es soll die einzige Information sein, die uns unentgeltlich überlassen wird. Wir fragen ein paar Menschen nach ihrem literarischem schaffen und ernten vielerlei Geschichtchen. Irgendwelche Frauen meinen, sie hätten schon immer Gedichte geschrieben und eine etwas ältere Frau spuckt uns angewidert vor die Füße.
Himp erklärt, man sollte sie verbrennen, verbessert sich in erhängen und als wir verständnislos gucken, meint er, man könne sie ohrfeigen, wenn man denn wolle. Der Bürgermeister würde da wegschauen. Es sei nämlich seine Mutter, aber außerdem kenne er sie gar nicht. Wir sind ein wenig verwirrt.

Nach langem Hin und Her erzählt man uns von einem Schriftsteller, der sich sehr gut in der Materie auskennen würde. Er wohnt nicht weit. Hinter Bretterzäunen unweit des Eisladens stehen einige Baracken inmitten des Dorfzentrums, die völlig runtergekommen sind. In einer wohnt der Schriftsteller, ein dünner Mann, der die Vierzig überschritten hat. Im Innern der Baracke herrscht die Atmosphäre eines Sexkinos, die Umgebung ist schnell vergessen. Als der Schriftsteller zu erzählen anfängt, lacht er verschmitzt, das Gesicht vermittelt das Gefühl, einem etwas verwirrtem Geist gegenüberzusitzen. Er erzählt von seiner neuesten Geschichte. Er nennt sie „Dorfteich“. Ein Matrose erzählt sie und es geht darum, dass eine Karotte ins Wasser fällt und sofort schwimmen lernt. Wir bezweifeln, dass er ein richtiger Gesprächspartner und können nur entkommen, indem wir ihn mit Korn betrunken machen.

Wenige Tage später treffen wir in Bobitz auf einen ähnlich komischen Mann, der wie ein Huhn lacht und uns sofort zu sich eingeladen hat. In einem Hinterhaus hat er einen kleinen Verlag errichtet und ist dabei, mit einigen Autoren des Dorfes ein Buch in Geheimschrift herauszubringen. Es ist eine neuerfundene Geheimschrift, die noch niemand kennt. Er empfängt uns mit einem heißen Kochtopf voll Suppe und wünscht uns guten Appetit. Den haben wir, aber schmecken tut es nicht. Wir sind an seiner Arbeit sehr interessiert und fragen nach, wann es denn angefangen hat, dass hier nun alles um Literatur geht und die Verlage und Druckereien gerade hier in Bobitz aus dem Boden schießen. Seine Antwort ist irgendwie eigenartig. Immer wieder beteuert er, dass er nur deutsch könne, weil das ja seine Muttersprache ist und er uns zwar verstehe, aber nur auf Deutsch antworten könnte. Da wir auch Deutsch sprechen, verstehen wir gar nichts mehr. Himp hat uns für 100 Piepen vorgewarnt. Der Mann ist drogensüchtig. Was es für eine Droge ist, konnte er uns nicht sagen, aber wir wissen natürlich, dass Drogen in der Weltliteratur natürlich einiges zu suchen hat. Daher versuchen wir es weiter und fragen noch einmal.
Es klappt irgendwann und zwinkernd erzählt er von der großen Umwälzung im Jahre 2001. Schriftsteller aus Schwerin bereisten das Umland und fuhren mit den Zügen und Autos ein. Sie fanden Gefallen an dem einfachem Leben und schrieben zahlreiche Geschichten.
Es gab ein Echo und der Hall dieses Echos zog auch nach Bobitz und die Touristen kamen. Geld wurde hier gelassen, das gefiel dem Bürgermeister und dieser befiehl seinen Bewohnern nun selbst schreiben zu lernen um noch mehr Touristen zu locken. Die ersten Versuche waren kläglich. Es gab Gedichte, eines zeigt er uns, die völlig unrhythmisch waren und Prosatexte ohne Substantive. Es war ein heilloses Kuddelmuddel.
Wie sich das dann geändert hat, kann er uns auch nicht sagen, denn er schreibt noch in diesem Stil. Er gibt uns einen Flyer für sein neues Geheimschriftbuch mit und wünscht uns einen schönen Abend.

Das Dorf bereitet sich auf ein fest vor. Das Hummelfest und das Wespenfest fallen zusammen. Vor dem Dorf hat sich ein Lager aus Schriftstellern aus dem ganzen Land versammelt. Poeten tragen Wettbewerbe aus. Das Schweriner Stadtfernsehen überträgt Lesungen. Fahnen und Transparente, Luftballons und als Buch verkleidete Menschen bestimmen das Bild. Statt Eis werden im Eisladen Gedichte serviert. Autoren mit dicken Büchern versuchen dicke Brieftaschen zu bekommen und an den Seilen in den Bäumen hängen Gummipuppen, die man mit Limericks bemalt hat.
Drei Tage feiern die Bobitzer dieses Fest. Dabei beeindruckt vor allem die Qualität der Texte. Ihre Vorfahren hätten nichts mit diesen literarischen Ergüssen anfangen können. Sie hätten wohl alle Autoren aufgehängt.

Wir wissen immer noch nicht, wie nun die Ordnung in das Kuddelmuddel kam und das Fest beweist das hier wirklich wahre Weltliteratur vorgetragen wird. Wir müssen deswegen wohl übernächstes Jahr wiederkommen, denn die 700 Tage sind vorbei, wir verabschieden uns von Himp, essen noch ein Eis und haben dieses Dorf samt ihren Einwohnern irgendwie liebgewonnen.

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