Der ungeduldige Joachim

Joachim hat Ungeduld im Leib. Große Ungeduld. Geduld duldet er für sich gar nicht.
Aber die meisten Menschen sind ja so. Also fast. Mit Ausnahmen, na klar.
Geduld ist halt nicht so leicht erlernbar wie Fahrradfahren, Kickboxen oder Rückenschwimmen. Es gibt Leute, die lernen es nie. Dabei kann Geduld total spannend sein, wenn man sie beherrscht. Manchmal ist es total aufregend und schön, sich zu gedulden. Auch die Frau von Joachim sagt das immer, aber er kann ihr nicht glauben. Sehnsüchte, die sich nicht sofort erfüllen, wirft er weg wie Zigarettenstummel. Manchmal allerdings kommt man um die Geduld nicht herum: vor dem nächsten Gehalt, vor Weihnachten und Geburtstag oder vor großen Reisen zum Beispiel. Da ist Joachim wochenlang ungeduldig, total genervt, unausstehlich und sehr gereizt.
Weil er nicht warten kann, flüchtet er oft in Traumwelten. In Träumen, findet er, bekommt man alles, was man will, und das sofort.
Er lebt in einer kleinen Wohnsiedlung in einem Dorf mit dem Namen Bobitz, das dreckig und klein, verschroben und altmodisch, grau und menschenbunt ist. Das Dorf gehört Joachim. Denkt er sich auf jeden Fall so, und das ist ein gutes Gefühl. Vormittags ist Joachim ein mittelmäßiger Briefzusteller (Botengänge von Stall zu Stall) und nachmittags bis abends ein genialer Träumer. Er ist 43 Jahre alt – eher klein von Statur, aber im Kopf ganz groß. Sein Gesicht ist in Grübelfalten gelegt, manchmal ist ein dümmlich offener Mund vorzufinden, und auf Wunsch der Frau trägt er keinen Bart. Dabei hätte er viel lieber einen wunderbaren Vollbart, der dann an den Mundwinkeln irgendwann gelb vom ganzen Spiegeleieressen wird. Auf seinem Körper stehen die Muttermale Schlange, und müsste ihn ein Hautarzt auf Hautkrebs überprüfen, hätte er sehr viel zu tun.
Täglich nach den Botengängen schaut er in einen Duden, der so dick wie ein Baumstamm ist. Er liest darin, wie andere Leute Zeitung oder Bücher lesen.
Ein wunderschönes Traumspiel für ihn: Joachim schlägt den Duden irgendwo auf, tippt mit geschlossenen Augen auf ein Wort und liest: „Kartothek“ oder „Lorchel“ oder „effilieren“. Nach dem Lesen schließt er noch einmal die Augen und verbindet sich mit diesen Worten und deren Bedeutungen. Liest er zum Beispiel „Fakir“, dann ist er einer und blättert inmitten des Tagträumens noch einmal und verbindet den Fakir mit einem anderen Wort, zu dem es eigentlich keinen Zusammenhang gibt. Aber er findet immer einen, und so erlebt er Dinge, die kein anderer Mensch je gedacht hat. In dieser Fremde bleibt er so lange, bis seine Frau ihn zum Abendessen ruft.
Wenn Joachim tot ist, will er Welten erschaffen, und man soll ihm doch einen Duden mit ins Grab legen. Manchmal denkt er darüber nach, dass er in seiner Fantasie ja schon Welten erschafft und er nicht beweisen kann, dass diese Fantasiewelten nicht irgendwo zu richtigen Welten werden. Vielleicht, so denkt er, ist das hier alles auch nur Fantasie eines anderen Wesens. Manchmal verliert sich Joachim in solchen Überlegungen und findet kein Ende.

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