Die Linden malen mit Blüten Bilder auf die nasse Erde. Maulwurfshügel sind über Nacht entstanden, und der Vater wird schon kurz nach dem Aufstehen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und anfangen, diese Tiere auszuräuchern. Vielleicht mit in Whiskey getränkten Birkenzweigen oder einer Mischung aus Alleskleber und Folie. Das alles hatte beim letzten Mal zwar auch nichts genützt, aber vielleicht würde es diesmal helfen. Man weiß ja nie. Auf jeden Fall besser, als gar nichts zu machen.
Johanna schaut von ihrem Fenster über den Garten, verharrt an dem Baum, an dem ihre Schaukel hängt, und versucht sich daran zu erinnern, wann sie das letzte Mal darauf saß. Wann sie Himmelsperspektive und Erdperspektive im schnellen Wechsel gesehen hat. Sie erinnert sich nicht, sondern sieht sich nur im Alter von sechs Jahren, wenn sie es sich vorstellt, obwohl sie weiß, dass sie auch danach noch geschaukelt hat. Vielleicht aber eben nicht mehr mit so viel Freude. Man merkt sich Begebenheiten, weil man sie mit Gefühlen in die Straßen des Gehirns schreibt, und je intensiver das Gefühl, desto größer die Erinnerung. So erklärt sie es sich, haucht gegen die Fensterscheibe und malt ein Gesicht hinein. Eines, von dem man nicht sagen kann, ob es lacht oder weint, ärgerlich oder glücklich ist. Sie malt sich selbst.
Zwei Stunden später bricht Kaffee die Müdigkeit der Letzten. Auf dem Frühstückstisch stehen ein großer Korb mit dampfenden Brötchen, ein großer Krug Milch und vier Teller, hinter denen Johanna, ihre Eltern und Hannes, der Bruder, Platz genommen haben. Niemand spricht, niemand tauscht mit jemandem Blicke aus. Johanna betrachtet die Gesichter und versucht Antworten zu finden, und erntet Fragen.
Eine unangenehme Schwere liegt zwischen dem Essen. Sie hasst sie, hasst diese Zusammenkünfte, bei denen man sich noch ferner ist als sonst, aber es gibt keine Flucht. Würde sie in ihrem Zimmer bleiben, würde man den Psychologen anrufen, und dieser würde sie dann wieder zu ihren kalten Stellen führen. Jeder Bissen ist ein Kraftakt.
Johanna ist 1,73 Meter groß, wiegt 66 Kilo, wird oft verlegen, neigt dann den Kopf und wird rot. Sie lacht hinter ihrer Hand, schaut meist aus großen Augen von unten nach oben, aber weicht doch jedem Blick aus. In der Schule ist sie mittelmäßig, sie hat kein besonderes Talent und schön ist sie auch nicht. Wobei, sie hat da so eine Lage wildes Fleisch auf dem Rücken. Das macht sie einzigartig.
Wildes Fleisch ist Fleisch, das sich bildet, wenn man eine Verletzung hat und der Körper dagegen kämpft. Wenn es dann heilt, wuchert es aus, und man hat auf einmal mehr als vorher davon. Johanna ist ein Rüssel gewachsen. Also ein echter Elefantenrüssel. Zwar ist er hautfarben und hängt zwischen den Schulterblättern, aber er ist doch als Rüssel genau identifizierbar. Vom Rücken zieht er sich durch den Körper und dockt am Hals an. Von daher hat sie drei Öffnungen zum Atmen. Die Verletzung, die das alles verursacht hat, war ein simpler Mückenstich.
Sie ist in keiner Weise allergisch, aber manchmal spielt die Natur dem Menschen einen Streich, und dann ist eben Scheiße. Wenn die Dinge zufällig ungünstig stehen, kann ein Mückenstich wohl auch einen Menschen töten. Ich denke, das ist gar keine große Sache. Zum Beispiel, wenn man einen Autounfall hat, aus dem Spontankarussell geschleudert wird und mit dem Kopf voran an einen Baum klatscht, dann noch ein wenig lebt und vielleicht überleben könnte, aber da kommt dann so eine Mücke und sticht in das offene Herz, das aus dem Brustkorb herausschaut.
Wenn Johanna nervös ist, schnaubt sie ganz leise durch den großen Rüssel. Das hat sie sich ungünstigerweise so angewöhnt. Dann sieht man am Rücken, weil sie sich ein Hohlkreuz antrainiert hat, eine kleine Luftbeule wachsen und wieder schwinden. Natürlich passt sie sehr darauf auf, dass niemand dieses wilde Fleisch zu sehen bekommt oder eben diese Blase. Deshalb ja auch dieser antrainierte Hohlkreuzrücken.
Einmal wurde sie in einer Schlange vor der Kasse angerempelt, und der Mann wunderte sich über das längliche Labberteil, das er mit seinem Oberkörper berührte, aber bevor er Schlüsse ziehen konnte, wurde er von ihr eingesaugt. Stück für Stück wurde er dann im Endrüsselbereich zersetzt und dem Magen zugeführt. Was übrig blieb, war das Gerippe, das aus dem Rüssel zu Boden klapperte. Gott sei Dank erst zu Hause und nicht irgendwo in der Öffentlichkeit.
Den Sportunterricht schwänzt sie. Dabei war sie einmal eine der besten Schülerinnen im Bockspringen, was ihr den Beinamen Jobocka eingebracht hat, und in diesem Schuljahr wurde das Bockspringen nun wieder ganz groß rausgekramt. Jeder wunderte sich über Johannas Verhalten. Auch ihre ständige Ausrede, dass sie ihre Periode habe, kam nicht mehr so gut an. Die Sportlehrerin wollte sogar schon in ihren Schlüpfer gucken, und am nächsten Tag hatte Johanna dann vorsorglich Nagellack in ihren Slip geträufelt. Aber dazu kam es nicht. Bevor die Sportlehrerin dies tun konnte, wurde sie eingesaugt, und zwar völlig unbeabsichtigt. Als das geschah, hatte Johanna schon an die achtunddreißig Skelette unter ihrem Bett und im Garten vergraben.
Allmählich konnte sie schon gar nicht mehr ihre Arme bewegen, weil sie zu Hause, wenn niemand da war, immer nur den Rüssel gebrauchte, und so wurden die Arme ganz krumm und blau. Von Blau wechselte es nach abgestorbenen Adern zu Grau, und dann wuchsen die Hände eines Tages oberhalb der Hüfte an. Sie wurden daraufhin so dünnlich, dass auch der Rest des Oberkörpers anwuchs und dazwischen nichts mehr zu sehen war. Die Armknochen wurden dabei zu Knorpel zermalmt.
Nach dieser überaus schmerzhaften Entwicklung konnte sie auf einmal viel besser hören. Sie hörte, dass es im Garten gar keine Maulwürfe gab, sondern nur Knochen, die sie verbuddelt hatte, und sie hörte sogar, wie sich die Regenwürmer daran vorbeizwängten.
Zur Schule brauchte sie gar nicht mehr. Den Eltern war es viel zu peinlich, mit ihr in Verbindung gebracht zu werden. So bleibt nur der Garten. Erst einmal.
